Dolomiten

© Franz Sebald                                                                                     http://surf.to/Sebald

 

Reisebericht als Textdatei (ohne Bilder)

Die Pechvogeltour

Monheim – Stilvser Joch – Gavia Pass – Kalterer See – Sella Joch

Ein eisiger Wind weht uns um die Ohren. Orgel, orgel, orgel... verzweifelt versuche ich das Auto zu starten. Außer dem Anlasser bewegt sich nichts! Wir stehen auf 2700 Meter Höhe neben dem Gletscher des Ortlers. Um uns herum wird Skier gefahren, teils auch mit kurzen Hosen und das bei dieser eisigen Kälte. Bei dem Gedanken dass unser Wagen nicht startet wird es mir auch nicht wärmer.

Voller Freude waren wir heute Morgen um 5 Uhr Richtung Süden zu einem Campingurlaub in die Dolomiten aufgebrochen. Die 48 Haarnadelkurven zum Stilfser Joch haben wir soeben hinter uns gebracht. Das Auto, glühend heiß, ist vermutlich überhitzt. Es ruht auf dem Parkplatz am höchsten Punkt des Passes. Um die Zeit zum Kühlen etwas verstreifen zu lassen, beschließen wir eine Wanderung auf dem Platau. Strahlender Sonnenschein und eine gute Fernsicht lassen uns hinunter zur „Königin der Alpenstraßen“ blicken. So wird bisweilen und auch heute noch die Straße genannt, die das 2757 Meter hohe Stilfser Joch überquert. Die atemberaubende Strecke ist wie eine Himmelsleiter an den Berg geklatscht. Bewusst haben wir mehrere solche Himmelsleitern in unsere Streckenplanung mit einbezogen. So folgt nach dem geglückten Start unsers fahrbaren Untersatzes auch gleich der nächste Pass.

Diesmal nicht so flott, kriechen wir die Serpentinen zum Gavia Pass hoch. Oben auf 2545 Meter am Lago Nero, legen wir eine Verschnaufpause ein. Die Abfahrt ist landschaftlich ein einziger Traum, der manchmal fast zum Albtraum wird. Vor allem wenn Fahrzeuge entgegenkommen wir es Millimeterarbeit zwischen Spiegel und unbefestigten Fahrbahnrand. Wir kämpfen uns weiter Richtung Süden nach Ponte di Legno durch.

Nach einer ausgiebigen Rast am Kalterer See erreichen wir am späten Abend unser geplantes Etappenziel. Überfüllte Straßen ließen schon schlimmstes befürchten. Die Italiener haben Ferien. So ist es auch kein Wunder das wir nach mehrmaligen Versuchen immer noch keinen freien Campingplatz finden. Es geht weiter über die große Dolomitenstraße. Sie bietet uns atemberaubende Ausblicke, aber sie erstickt im Hochsommer und an Wochenenden fast im Gestank der Autoabgase. Wir passieren das Sella Joch, wo uns die untergehende Sonne an einem schön gelegenen Platz mit Dolmitenblick zum Übernachten zwingt.

 

Sella Joch – Grödner Joch – Bruneck

Es ist sechs Uhr morgens. Im Tal hängt noch der Dunst. Die Berge zeigen sich noch unverschleiert und die aufgehende Sonne taucht sie in ein leuchtendes Rot. Von Minute zu Minute ändert sich das Licht, die Farben und schenkt uns bezaubernde Fotomotive. Allmählich werden die Spitzen einer Gebirgskette in ein sattes Orange gezaubert. Nur schwer können wir uns von diesem Naturschauspiel lösen, aber unser Weg führt uns weiter nach Bruneck.

Eine gut ausgebaute Passstraße schraubt sich hoch zum Grödner-Joch. Die Vegetation wird immer spärlicher und nur noch verkrüppelte Sträucher begleiten unseren Weg. Oben vom Rastplatz bietet sich ein herrlicher Blick auf die darrunterliegenden Serpentinen. Die Landschaft, die immer wieder wechselt, zeigt ständig neue Ausblicke auf die Felsen um uns herum. Sie sind totenblass. Die Ladiner nennen die Dolomiten deshalb auch die „Bleichen Berge“.

Allmählich verlassen wir die bleiche Felsenwelt und rollen hinunter ins Tal, wo uns Temperaturen über 30° C im Auto schmoren lassen. Gegen Mittag beziehen wir Quartier im „Ansitz Wildberg“, einem Campingplatz direkt am Dolomitenrand gelegen. Der kleine familiäre Platz, liebevoll mit Blumen geschmückt und die sanitären Einrichtungen im ansprechenden graphischen Design gestaltet, erweckt Begeisterung pur. Und das schönste ein kleiner Pool steht zur Abkühlung bereit.

 

 

Bruneck – Grödner Joch – Pisciadu

Ohne Plan und Ziel brechen wir am frühen Morgen auf in Richtung Dolmiten. Nach dem Auflösen der Nebelfelder scheint auch die Sonne wieder voll vom Himmel. Über Serpentinen geht’s weiter in Richtung Süden durch ein tolles Gebirgspanorama. Wir erreichen das Grödner-Joch. Parkende Autos verraten uns den Beginn eines Wanderweges.

Wir befinden uns wieder mitten im „Reich der bleichen Berge“. Das helle, fahle Dolomitengestein hat sich vor 100 bis 200 Millionen Jahren im riesigen Triasmeer gebildet. Aus Milliarden und Abermilliarden von kalkspeichernden Tier- und Pflanzenorganismen waren mächtige Kalkriffe entstanden, die bei der Bildung der Alpen empor gewölbt wurden.

Entlang saftiger Wiesen geht’s rüber an den Fuß des Pisciadu (2985 m) ein Berg der Sella-Gruppe. Über einen serpentinenartig angelegten Wanderweg kämpfen wir uns durch ein Geröllfeld hoch. Plötzlich ein lauter Schrei...Achtung!! Ein 30 cm großer Stein poltert den Berg herunter. Wir schaffen es gerade noch auf die Seite zu springen. Ein Wanderer 100 Meter über uns hatte den Stein ausgelöst und uns glücklicherweise noch gewarnt. Der schmale sehr steile Geröllweg mündet in einen Pfad, der sich zwischen großen Felsbrocken hindurchschlängelt. Wir befinden uns in einer schluchtartigen Schneise, die je weiter wir nach oben kommen, immer enger wird. Die umliegenden Felswände rücken immer näher. An einer Passage, wo klettern erforderlich wird – zum Glück gibt’s ein Drahtseil zum Festhalten- wird’s verdammt eng. Oft müssen wir warten bis herunterkommende Wanderer den Weg freimachen. Der gut besuchte Wanderweg lässt hoffen das unsere Strapazen auch belohnt werden. Glühende Hitze brennt herunter, wir schnaufen –jeder Schritt ein Atemzug. Margit beginnt langsam zu schwächeln. Erst als eine Familie mit Kindern den Berg herunterkriecht wird sie wieder angespornt für das letzte Stück bis zum Gipfel. Oben erwartet uns ein großartiger Rundumblick auf die benachbarten 3000 er die mit ihrem hellen Gestein in den blauen Himmel emporragen.

Die Knochen müde, lassen wir uns von der Lust zum Faulenzen verführen. Allmählich verspüren wir nach dieser Tour die elementaren Bedürfnisse: Durst, Hunger und Müdigkeit. Auf dem Rückweg machen wir noch einen Abstecher nach Bruneck, wo wir uns das redlich verdiente Eis schmecken lassen.

 


Bruneck – „Drei Zinnen“

Über eine gebührenpflichtige Passstraße schrauben wir uns hoch zu den „Drei Zinnen“, eine Felsengruppe in den Sextener Dolomiten.
Oben, an einem großen Parkplatz angelangt, rätseln wir über das Dasein der gewaltigen Automassen. Voller Erwartungen und gut gelaunt schnüren wir unsere Wanderstiefel und machen uns auf den Weg die „Drei Zinnen“ zu umrunden. Doch staunen wir nicht schlecht, als uns zum wiederholten Male Frauen mit Stöckelschuhen und Handtasche entgegenkommen. Beim Überqueren einer Bergkuppe kommt dann das grausame Erwachen. Der Blick in die Ferne wird frei und wir sehen ihn, den Touristenhighway, der entlang des Gebirgskammes verläuft. Hunderte von Menschen kriechen wie Ameisen den Dolomitenhöhenweg entlang. Wir kommen uns vor wie in München zur Rushour.

Schweren Mutes reihen wir uns ein und lassen uns ein Stück mittreiben, bevor uns eine heranziehende Schlechtwetterfront zum Umkehren zwingt. Den Blick auf das berühmte Gipfeltrio noch kurz mitgenommen, machen wir uns wieder auf den Rückweg.

Am Abend landen wir in einer netten Pizzeria, wo wir den Tag mit einem kräftigen Rotwein aus der Provinz abschließen.

 

Bruneck – Venedig

Bei Mestre-Nord sollten wir die Autobahn verlassen, nur das Schild Venezia haben wir nicht gesehen, also weiter in Richtung Mestre-Centrum wo wir nach Venedig abbiegen. Noch ein Stück auf der Landstraße, bevor uns ein Parkwächter in einen Parkplatz einlotzt. Unterwegs war uns schon ein ungewohntes Geräusch aufgefallen. Als wir schließlich auf dem holperigen Schotterplatz durch ein Schlagloch fetzen ist es soweit. Ein lautes Poltern lässt Schlimmstes befürchten. Eine Halterung ist abgerostet, der Auspuff eingerissen und heruntergekracht. Per Expander wird das Wackelteil provisorisch hochgeknebelt, dann rollen wir in die Parkbucht ein wo wir die Sache erst mal ruhen lassen. Der heraneilende Parkwächter knöpft uns noch eine horrende Summe von 18 000 Lire ab, bevor wir uns auf den Weg zur Schiffsüberfahrt machen. Hier die nächste Überraschung: Die Fahrpreise dermaßen überzogen – wir werden so richtig abgezockt.

Venedig ist auf 118 kleinen Inseln erbaut und von etwa 100 Kanälen durchzogen, deren Ufer durch fast 400 meist steinerne Brücken verbunden sind. Die auf Pfählen stehenden etwa 15 000 Häuser bilden ein enges Gewirr von Straßen und oft kaum 1,5 Meter breiten Gassen. Wir lassen uns durch viele dieser Gassen treiben, spulen das übliche Besucherprogramm ab, schießen ein paar Filme durch und landen schließlich am Markusplatz. Übrigens alles bei traumhaftem Wetter.
Besondere Begeisterung erweckt der 175 Meter lange und 56 - 85 m breite Platz, er ist mit Trachit und Marmorplatten belegt und gilt als einer der prächtigsten Platzanlagen der Welt. Neben zahlreiche Sehenswürdigkeiten - die wahrscheinlich eh schon jeder kennt- finden wir abseits des Rummels das beste und günstigste Eis ganz Italiens – glauben wir wenigstens. Am späten Nachmittag verlassen wir die märchenhafte Welt und kehren zum Parkplatz zurück, wo uns die Realität erwartet ....der kaputte Auspuff!!!

Um die Autobahn nicht unnötig mit abgerosteten Teilen zu belasten, wählen wir die bergige Variante auf der Landstraße durchs Hinterland. Wir schleichen unzählige Serpentinen hoch und auf der anderen Seite des Berges wieder herunter, durch Wälder hindurch und an landschaftlich reizvollen Ausblicken vorbei. Hier auf der engen Straße werden wir des Öfteren mit der Kamikaze ähnlichen Fahrweise der „Italiener“ konfrontiert. Die Fahrt entlang der kurvenreichen Strecke gleicht mehr einer Seereise bei Windstärke 10. Nachdem sich der Umweg dermaßen in die Länge zieht haben wir kaum Zeit die wunderschöne Landschaft zu genießen. Nur eine Kirche, die in einer Felswand integriert ist, verleitet zu einer Fotopause.
Allmählich bricht die Dunkelheit herein. Um die verschlafenen Bergdörfer mit unserem Getöse nicht zu wecken beschließen wir, das letzte Stück auf der Autobahn zurückzulegen.

Gegen 22 Uhr erreichen wir die Mautstelle Brixen. In Venedig das letzte Kleingeld mit Eis verplempert, müssen wir wiederwillig mit einem 100 000 er bezahlen. Mit freundlichem Grinsen über den Lippen gestrichen drückt uns der Kassier ein Bündel voll Kleingeld in die Hand, in der Hoffnung das wir den Schwindel nicht bemerken. Er gab uns nur auf 50 000 Lire raus. Es beginnt eine heftige Debatte. Der Kassier verspricht uns, nachdem sowieso gleich Schichtwechsel ist, die Kasse zu prüfen. Natürlich taucht der 100 000 er, der vermutlich in der Hosentasche verschwand, bei der Kassenprüfung nicht mehr auf. Nach mehrmaligem Drohen die Polizei zu verständigen geben wir letztendlich - nach diesem ereignisreichen Tag und um unsere Nerven zu schonen - auf.
Im Ansehen der Italiener schwer gedemütigt rollen wir zurück zu unserem Quartier.
Auch die schlafenden Kinder sind wohl sehr darüber erfreut, als wir mit unserer Donnerkarre zum Campingplatz hin abbiegen. Natürlich parken wir die Karre außerhalb der Pforte damit wir nicht gleich geautet werden.

Franz Sebald

 

http://surf.to/Sebald